„Alle haben sofort ein Lächeln auf dem Gesicht“
Clownsvisiten auf der Kinderonkologie als Teil einer erfolgreichen Behandlung

Prof. Dr. Jan-Henning Klusmann ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin und Facharzt für Kinderheilkunde mit der Schwerpunktbezeichnung „Pädiatrische Onkologie und Hämatologie“. Er kommt ursprünglich aus Göttingen, hat in Lübeck studiert und ist dann über unterschiedliche Stationen wie Rotterdam und die Harvard Medical School in Boston an die Medizinische Hochschule Hannover gegangen. Dort ist er Oberarzt geworden. Anschließend leitete er die Klinik und Poliklinik für Pädiatrie I in Halle als Direktor, unter anderem die pädiatrische Onkologie. Seit Juni 2021 ist er Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Frankfurt.
Sein Spezialgebiet sind Leukämien: „Unser Ziel ist es, die Therapien zu verbessern: Wir können mittlerweile vier von fünf Kinder heilen. Mein Ziel ist es jedoch, dass wir fünf von fünf Kindern heilen. Mit unseren aktuellen Therapien stoßen wir hierbei allerdings an eine Grenze. Um diese Grenze zu überwinden, muss man die Leukämie und die Leukämieentstehung besser verstehen, um noch zielgerichteter eingreifen zu können. Und genau das machen wir bei uns im Labor: Wir charakterisieren genetisch und funktionell Leukämien. Wir versuchen, die Mechanismen der Krankheit und ihre Entstehung zu verstehen und testen neue Medikamente“, sagt er. Wir haben mit ihm über die Besuche der CLOWN DOKTOREN E. V. mit Sitz in Wiesbaden und die Wirkung von Clownsvisiten allgemein gesprochen.


Wann oder wie hatten Sie zum ersten Mal mit Klinikclowns Kontakt?
Schon relativ früh! Auch in Hannover sind schon Klinikclowns aktiv gewesen. Das empfand ich immer als eine extreme Bereicherung für die Stationen. Der Klinikalltag ist Gott sei Dank nicht immer traurig, aber kann es durchaus immer wieder sein. Und da ist eine Auflockerung natürlich immer sehr willkommen. Und jetzt treffe ich einmal in der Woche Klinikclowns in Frankfurt. Ich profitiere also davon, dass es in vielen Regionen Deutschlands Klinikclowns gibt.

Was macht die Arbeit der Klinikclowns, vielleicht speziell auch der Wiesbadener Clowndoktoren, für Sie so besonders?
Wir als Ärzte steuern den medizinischen Teil der Behandlung. Aber das ist ja nur ein Aspekt des Ganzen. Der Körper und auch der Geist sind natürlich weitere Aspekte, die wir nicht ausreichend erfüllen. Die Klinikclowns können jedoch helfen, das Gemüt aufzuheitern und verbessern damit auch den Umgang der Kinder mit der Krankheit und mit der ganzen Situation. Das ist für die gesamte Behandlung extrem wichtig.

Können Sie aus medizinischer Sicht ein wenig erklären, was durch die Clownsvisiten passiert und warum sie wirken?
Ich würde sagen, der Körper ist ein Ganzes. Und wenn man traurig oder schlecht gelaunt ist, wirkt sich das tatsächlich auch auf das Immunsystem und den ganzen Körper aus. In Teilen kann man die positive Veränderung durch Humor auch messen. Ich habe die Endorphinausschüttung nach Clownsvisiten zwar selbst noch nicht gemessen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es zu einer großen Ausschüttung von Glückshormonen kommt. Und diese wirken sich dann wiederum positiv auf den Rest des Körpers aus.

Wir haben immer wieder gehört, dass es auch für das Klinikpersonal bereichernd ist, wenn Klinikclowns vor Ort sind. Können Sie das bestätigen?
Absolut. Zum einen erstaunt mich immer wieder, dass auch Kinder, die schlecht gelaunt und verschlossen sind oder die mit niemandem reden, ein Lächeln auf dem Gesicht haben, wenn sie die Klinikclowns sehen. Die Clowns bekommen durch ihre Tricks fast sofort einen Zugang zu den Kindern. Das ist wirklich jedes Mal sehr schön mit anzusehen. Und natürlich ist das genauso schön für das ganze Team. Man geht über die Station von einem Patienten zum anderen – und dann sind die Clowns da und machen einen Witz oder zaubern etwas aus ihrem Hut oder hinter ihrem Ohr hervor. Dann haben alle sofort ein Lächeln auf dem Gesicht.

Sind die Clownsvisiten schon eine liebgewonnene Routine geworden oder sind sie auch nach den Besuchen noch Gesprächsthema unter dem Klinikpersonal?
In der Regel ist es nicht so, dass wir uns jedes Mal untereinander darüber unterhalten, wenn die Klinikclowns da waren. In letzter Zeit gab es jedoch wieder verstärkt Feedback, denn wegen der Pandemie konnten die Clowns lange keine Visiten durchführen. Deshalb werden die Clownsvisiten jetzt auch wieder vermehrt zum Thema: Wir sprechen tatsächlich wieder häufiger darüber, wie schön der Besuch der Clowns war und dass Clownsvisiten endlich wieder möglich ist. Oder uns fällt auf, dass der Besuch einem bestimmten Patienten sehr gut getan hat und geben das dann an unsere Kolleginnen oder Kollegen weiter.

Es gibt ja gerade in Ihrem Fachbereich Kinder, die sehr lange auf Station sind. Würden Sie sagen, dass sich eine richtige Beziehung zwischen ihnen und den Clowns aufbaut?
Ja, das ist absolut der Fall. Die Kinder freuen sich schon richtig, wenn wieder der Tag ist, an dem die Klinikclowns kommen. Während der Coronakrise, als die Klinikclowns eine Zeit lang nicht auf die Station konnten, hat uns und den Kindern wirklich etwas gefehlt. Da haben wir erst bewusst bemerkt, welchen wichtigen Part die Klinikclowns einnehmen.

Wahrscheinlich war die Freude entsprechend groß, als klar wurde, dass die Clowns wieder zu Clownsvisiten kommen dürfen?
Ja! Wir haben während der Pandemie unterschiedliche Phasen durchlaufen. Gerade zu Beginn war erst einmal alles im Lockdown und wir hatten ein komplettes Besuchsverbot. In den unterschiedlichen Phasen der Lockerungen haben wir immer sehr schnell versucht, die Klinikclowns wieder mit an Bord zu holen. Mit Testung und Impfung konnten wir dann endlich wieder Clownsvisiten erlauben. Wenn man sieht, wie viel Zeit die Kinder vor Medien verbringen, ist es umso schöner, dass die Klinikclowns in Person kommen und die Kinder aufheitern. Ich glaube, das ist ein enormer Vorteil und es macht wirklich einen Unterschied, dass sie „in echt“ da sind. Face-to-Face, wie man heute so schön sagt.

Gibt es Momente oder vielleicht einen Moment, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Wir hatten eine Patientin, die sich komplett verschlossen hatte und auch mit niemandem reden wollte. Wir haben über Tage und Wochen versucht, einen Zugang zu ihr zu finden. Als dann die Clowndoktoren ins Zimmer kamen, war die Aufmerksamkeit vollständig auf die Clowns gerichtet. Dann hat der Clown etwas aus der Hand des Mädchens herausgezaubert. Ich glaube, es war ein Ball. Die Stimmung kippte sofort in eine positive Richtung und wir hatten auf einmal ein lächelndes Mädchen vor uns.

Geben Sie den Clowndoktoren auf ihre Visiten mit, dass sie versuchen sollen, sich solchen verschlossenen und betrübten Kindern zu nähern? Oder passiert das im glücklichsten Fall automatisch?
Wir geben den Clowndoktoren natürlich ab und zu mit, wenn eine bestimmte Patientin oder ein bestimmter Patient eine Aufmunterung besonders vertragen könnte. Aber die Clowndoktoren schauen auch selbstständig und in enger Abstimmung mit uns, welche Patienten sie besuchen. Sie informieren sich beispielsweise vor der Clownsvisite genau darüber, ob es aus medizinischer oder hygienischer Sicht vielleicht gar nicht erlaubt ist, zu gewissen Patienten ins Zimmer zu gehen.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Klinikclowns aus Ihrer Sicht bei ihren Visiten? Die Arbeit ist ja an einigen Stellen emotional nicht ganz einfach.
Das stimmt.Meiner Einschätzung nach gibt es viele Punkte, die schwierig sein können. Zum einen müssen die Clowns innerhalb kürzester Zeit einen Zugang zu den Kindern finden. Die Clowns sind nicht jeden Tag da, sondern kommen nur einmal pro Woche. Dann muss ihre Aufmunterung sofort funktionieren. Zudem kann es per se schwierig sein, zu einem Kind in einer gewissen Altersspanne Zugang zu bekommen. Und zu manchen Patienten kann man, wie bereits erwähnt, nicht einfach so ins Zimmer gehen. Bei manchen müssen sie zuerst besondere Kittel, Handschuhe und Maske anziehen. Das heißt, dass auf einmal das Kostüm nicht mehr richtig wirkt. Oder man kann gewisse Hilfsmittel gar nicht einsetzen, weil man sie danach nicht einfach so wieder mit aus dem Patientenzimmer hinausnehmen darf. In der Pandemie ist eine der großen Hürden sicher auch die Maske. Die Clowns funktionieren ja neben Verkleidungen mit Mimik und Gestik. Die Maske verdeckt die Mimik, sodass diese als Instrument fehlt. Und ganz allgemein gesprochen ist es natürlich auch so, dass die Clowns etwas Positives versprühen sollen. Das heißt, sie müssen sich auch von schwierigen Situationen freimachen. Vielleicht haben sie gerade erfahren, dass der Patient eine schlechte Prognose hat oder vielleicht sogar sterben wird. Aber selbst in solchen Situationen können sie nicht ins Patientenzimmer gehen und selbst traurig sein, sondern müssen Freude und Optimismus versprühen. Das ist nicht immer einfach. Dazu muss man, glaube ich, ein sehr guter Schauspieler sein.

Ist die Arbeit der Klinikclowns auf der Onkologie im Vergleich zu anderen Stationen dahingehend vielleicht sogar noch belastender?
Auf der Onkologie ist es schon eine besondere Situation für die Klinikclowns. Aber bei uns in der Uniklinik sind auch auf den nicht-onkologischen Stationen viele Patienten, die sehr krank sind. Jemand mit einem normalen Knochenbruch kommt, wird operiert und geht in der Regel am nächsten Tag wieder nach Hause. Der Patient hat quasi gar keinen Kontakt zu den Klinikclowns, oder wenn doch, dann nur ganz kurz. Die Patienten, bei denen die Klinikclowns ihre Visiten machen, sind etwas länger auf Station, mindestens zwei bis drei Tage. Das sind schon die, die dann durchaus ernsthaftere Erkrankungen haben.

Welche Argumente würden Sie anführen, um Kolleginnen und Kollegen zu überzeugen, dass Sie unbedingt auch Klinikclowns einladen sollten
Ich würde sie damit überzeugen, dass es eine extrem schöne und tolle Abwechslung für die Kinder ist. Dass man mit diesen Visiten insgesamt die Laune nachhaltig verbessern kann. Dass man Zugang bekommen kann zu den Kindern. Denn es ist auch ein Teil der erfolgreichen Behandlung, dass Körper und Geist zusammen funktionieren.

Vielen Dank für das Interview!

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